Magdalena Beck von Leopoldsdorf

Lange Nacht der Kirchen 2016
in der Minoritenkirche



Eine Liebeserklärung in Stein

"Uxori charissimae et amantissimae"

- Das Epitaph der Magdalena Beck von Leopoldsdorf
   in der Minoritenkirche


Lesung und
Meditation

für die "Lange Nacht der Kirchen" am 10. Juni 2016

Verfasser und Vortragender:
Dr. Gerhard F. Schweter BA

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Meditationen:
 
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 L.N.K. in der Minoritenkirche

 

 

 

 

 

 


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In der Augustinerkirche befindet sich ein Hauptwerk von Antonio CANOVA, des bedeutendsten Bildhauers der Epoche des Klassizismus. Dabei handelt es sich um das monumentale Grabdenkmal für Erzherzogin MARIE CHRISTINE, der Lieblingstochter der Kaiserin MARIA THERESIA. Im Jahre 1805 wurde es enthüllt, CANOVA hat sieben Jahre daran gearbeitet. MARIE CHRISTINE war die relativ früh verstorbene Gemahlin von Herzog ALBERT von Sachsen, dem Gründer der „Albertina“. Ihre Heirat war eine ausgesprochene Liebesheirat, ganz ungewöhnlich für hochadelige Kreise in der damaligen Zeit. ALBERT hat sie über ihren Tod hinaus aufrichtig geliebt, ihr Andenken bewahrt und nicht wieder geheiratet. Über dem Eingang zur Grabkammer hat er seine Liebesformel in Form eines Bekenntnisses angebracht:

UXORI OPTIMAE - ALBERTUS“.
Also: „Der besten Gattin - von Albertus“. Dieses Bekenntnis ist beeindruckend in seiner Schlichtheit und ergreifend in seiner Aufrichtigkeit.

Das Grabmal der MARIE CHRISTINE in der Augustiner-Kirche ist weltberühmt und jährlich kommen zehntausende Besucher, um es zu sehen. Aber nur wenige wissen, dass sich hier in der Minoritenkirche ebenfalls ein Grabmonument in Form eines Epitaphs befindet, welches eine noch schönere Liebesformel aufzuweisen hat. Dazu noch eine Porträtbüste von außergewöhnlicher künstlerischer Qualität.

Es befindet sich allerdings ganz im Westen, hinten an der Westwand und noch dazu im Halbdunkel. Errichtet wurde es 1564 von dem hochgeachteten Beamtenaristokraten HIERONYMUS BECK von LEOPOLDSDORF für seine innig geliebte und sehr früh verstorbene Gemahlin MAGDALENA, geborene von RAPPACH.
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Grabdenkmal für Erzherzogin Marie Christine
von Antonio Canova


Hieronymus Beck v. Leopoldsdorf
um 1554-1558
Bildnis aus seinem Porträtbuch

So hat HIERONYMUS in jüngeren Jahren ausgesehen (Bild), das ist sein Konterfei aus seinem eigenen Porträtbuch. Den Text für die in Latein verfasste Inschrift am Epitaph hat der Gatte selbst entworfen. Darin heißt es zum Schluss, dass er „dieses Denkmal für seine überaus teure und innig geliebte Gattin und ihrem Andenken hat errichten lassen.“ Also für seine UXOR CHARISSIMA ET AMANTISSIMA, wie es im Original heißt. Diese Liebesformel, welche die albertinische durch die Poesie ihrer Worte noch übertrifft, darf keineswegs als konventionelle Floskel begriffen werden. Durch Vergleiche mit ähnlichen Inschriften aus dieser Zeit wird klar, dass HIERONYMUS BECK hier ein aufrichtiges Bekenntnis für seine überaus teure und innig geliebte Gattin abgelegt hat.

MAGDALENA BECK, hier ihr Bildnis aus dem Porträtbuch, ist schon mit zwanzig Jahren gestorben, „OBIIT ANNI VIGINTI“, wie am Epitaph vermerkt. Sie war mit HIERONYMUS vom 25. Februar 1560 bis zum 8. November 1562 verheiratet und hat ihrem Gemahl in dieser Zeit zwei Kinder geboren. Als Tochter des Freiherrn JOHANN CHRISTOPH von RAPPACH war sie trotz ihrer Jugend eine sehr noble Dame und auch eine perfekte Führerin des großen Haushaltes ihres Mannes. MAGDALENA selbst und ihre Familie bildeten einen wichtigen Faktor in seinem Leben und es kann als große Tragik bezeichnet werden, dass diese Ehe nur so kurz dauerte. HIERONYMUS BECK besaß eine umfangreiche Bildnissammlung von 240 Porträt- Miniaturen, die zu einem Kodex zusammen gebunden sind und sich heute im Kunsthistorischen Museum befinden. In diesem schon erwähnten „Porträtbuch“ findet sich jenes sehr schöne Porträt der MAGDALENA, das wahrscheinlich auf ein verloren gegangenes Original des Hofmalers Jakob SEISENEGGER zurückgeht. Offenbar diente dieses dann als Vorlage für die Porträtbüste am Epitaph, hier in der Kirche. MAGDALENA steckt in einer modischen, rundherum geschlossenen Halskrause. Unter dem Janker trägt sie einen Unterrock aus kostbarem Brokat. Ihr äußeres Erscheinungsbild hält durchaus einem Vergleich mit der Gewandung der Erzherzogin ANNA stand (Bild), der Tochter von Kaiser FERDINAND I. Sie trägt sogar ein deutlich höheres Barett.

Auch dieses Porträt wurde vom Hofmaler Jakob SEISENEGGER gemalt. Kunsthistorisch betrachtet dokumentiert es die bedeutendste Leistung des Hofmalers, nämlich die Schaffung eines eigenen Typus des ganzfigurigen Repräsentationsbildnisses.
 


Magdalena von Rappach
um 1560-62,
Bildnis aus dem Porträtbuch des
Hieronymus Beck v. Leopoldsdorf


Erzherzogin Anna;
Portrait von J. Seisenegger


Portraitbüste aus Marmor


Inschriftentafel am Epitaph

Die Familie RAPPACH besaß eine Familiengruft in der Minoritenkirche. Allerdings sind im Zuge von Restaurierungen, Umgestaltungen und Regotisierungen durch FERDINAND HETZENDORF von HOHENBERG seit 1783 alle Grüfte, mit Ausnahme die der Grafen HOYOS, zugeschüttet worden. Die Särge der Familie RAPPACH sind dadurch verloren gegangen, auch jener der MAGDALENA. Nur ihr Epitaph hat sich erhalten.
Der Begriff Epitaph darf nicht mit dem Begriff des Grabsteins verwechselt werden, denn ein Epitaph ist ein Wanddenkmal mit einer Schrifttafel, das zum Andenken an Verstorbene errichtet wurde, ohne dass dadurch das Verhältnis zur realen Grabstätte näher bestimmt wird. Epitaphien sind also Male im Dienste der Memoria, haben meist keine kultische Funktion und dienen vorwiegend der persönlichen Erinnerung.
- (FOLIE 7)

Das Epitaph der MAGDALENA besteht aus drei Hauptelementen:
- einem Korpus aus bläulich-grauem Quarzsandstein, der mit seinem Sockel und dem oberen Segmentbogen als eigenständige Architektur bezeichnet werden kann,
- der Porträtbüste aus kristallinem weißem Marmor, und
- und der großen Inschriftentafel.

Früher wurde die Marmorbüste von deutlich erkennbaren Wappen der Familien BECK und RAPPACH flankiert. Diese waren bunt bemalt und kunstvoll herausgemeißelt. Davon ist heute auf Grund von Witterungseinflüssen fast nichts mehr erkennbar. Denn im 18. Jahrhundert befand sich das Epitaph im Kreuzgang, dann im verbliebenen Rest des Kreuzgangs und seit 1903 im neugotischen Arkadengang. Es war also lange Zeit der Witterung, deutlichen Temperaturunterschieden und der Luftfeuchtigkeit ausgesetzt. Und seit 2004 befindet es sich auf  Grund einer Empfehlung des Bundesdenkmalamtes wieder im Kirchen-Innenraum an der Westwand.
 

 

 



 


Epitaph der Magdalena Beck von Leopoldsdorf,
entstanden nach 1564.


Darstellung des Epitaphs der Magdalena
im Gartenschmid-Kodex von 1811


Porträtbüste einer Dame, um 1470/80
geschaffen von Andrea del Verrocchio


Büste der Kaiserin Faustina
von Danese Cattaneo,
ca. 1550-1570

Hier sehen Sie 2 frühere Ansichten des Epitaphs aus den Jahren 1811 (Bild) und 1877 (Bild). Deutlich erkennt man die beiden schönen Wappen und die damals noch komplette Porträtbüste.

Kernstück des Epitaphs der MAGDALENA BECK ist natürlich ihre Marmorbüste. Auf Grund der Härte und der größeren Widerstandskraft des Materials hat sie die letzten Jahrhunderte besser überstanden als der Sandstein des Korpus. Durch spätere Gewaltanwendung sind lediglich leichte Verstümmelungen feststellbar. So ist die Nase beschädigt und ein Teil des linken kleinen Fingers abgebrochen. Aber die Hochrangigkeit der Büste als Kunstwerk kann schon bei kurzer Betrachtung festgestellt werden. Dem Bildhauer ist es nicht nur gelungen, die Schönheit, Noblesse und vornehme Zurückhaltung der Dargestellten zum Ausdruck zu bringen, bemerkenswert ist auch die Feinheit der herausgearbeiteten Details wie Rüschenkragen, Goldketten und Schmuck. Leider ist der Meister namentlich nicht bekannt, stilistisch verweist aber die Ausführung der Skulptur auf den oberitalienischen Raum. Und dann gibt es noch ein zweites Geheimnis. Obwohl im CINQUECENTO, also im 16. Jahrhundert entstanden, atmet die Porträtbüste den Geist des QUATTROCENTO. Anmutung und stilistischer Ausdruck verweisen deutlich auf die italienische Frührenaissance.

Hier sehen Sie 2 Frauenbüsten der bedeutendsten Bildhauer dieser Kunstepoche, nämlich VERROCCHIO (Bild) und LAURANA (Bild), aus denen dieselbe Anmutung spricht.
Ganz besonders zeigt sich diese Nähe zu dieser spezifischen Kulturepoche in einem Vergleich mit der berühmten „Büste einer jungen Frau“ von Francesco LAURANA, die manchmal als „Isabella von Aragon“ bezeichnet wird und die um 1488 geschaffen wurde.

Denn beide Porträtbüsten
- zeigen sich frontal, der Kopf weist keinerlei Drehung oder Neigung auf,
- weisen eine in sich ruhende geometrische Ausgewogen= heit auf,
- beide haben die Qualität der Zeitlosigkeit,
- strahlen noble Eleganz und Zurückhaltung aus
- und sind von einer poetisch-rätselhaften Aura umgeben.
Obwohl also die Porträtbüste der MAGDALENA BECK im CINQUECENTO geschaffen wurde, atmet sie nicht den Geist der damaligen künstlerischen Zeitgenossen.

Das zeigt sofort ein Vergleich mit Büsten aus diesem Jahrhundert. Ungefähr zeitgleich entstanden sind Kaiserin FAUSTINA von Danese CATTANEO (Bild) und Kaiserin SABINA von Lodovico LOMBARDO (Bild). Aber welch ein Unterschied und welch ein komplett anderes Frauenbild tritt uns hier entgegen: stolz, offen und herausfordernd !

HIERONYMUS BECK von LEOPOLDSDORF, Gemahl der MAGDALENA, Entwerfer ihres Epitaphs und Auftraggeber der Porträtbüste, war ein außergewöhnlicher Mann. Er studierte die Rechte in Padua, der damals führenden Universitätsstadt auf diesem Gebiet, er beherrschte schon in jungen Jahren perfekt sowohl die italienische wie auch die lateinische Sprache und war mit den Idealen der Antike vertraut. Als echtem Renaissance-Menschen war sein Bildungsideal der UOMO UNIVERSALE. Beruflich in hohen Positionen im Staatsdienst engagiert, diente er den Kaisern FERDINAND I (Bild) und MAXIMILIAN II. (Bild).
 


Darstellung des Epitaphs der Magdalena
in einer Graphik des Karl Lind von 1877


Büste der Isabella von Aragon, um 1487/88
geschaffen von Francesco Laurana



Büste der Kaiserin Sabina als Ceres,
von Lodovico Lombardo,
ca. 1560-1584


Hieronymus Beck von Leopoldsdorf,
um 1580
Bildnis aus seinem Porträtbuch


Grabstein des Q. Veratius

Daneben genoss er großes Ansehen im Kreise der Gelehrten. Seine archäologische Sammlung war berühmt und enthielt eine ungewöhnlich große Anzahl römischer Grabsteine.

Einer dieser Grabsteine befindet sich heute noch in der Kapelle des Schlosses Ebreichsdorf. Auf dieser Abbildung befindet er sich neben einem Altersporträt (Bild) des HIERONYMUS BECK, ebenfalls aus der schon erwähnten Bildnissammlung, die zu den umfangreichsten der damaligen Zeit gehörte. Man kann davon ausgehen, dass die Gestaltung des Epitaphs für seine geliebte Frau allein auf sein Konto geht. Bei näherer Beschäftigung mit diesem Monument offenbart sich die verblüffende Tatsache, dass HIERONYMUS BECK dabei „Renaissance“ im dreifachen Sinn betrieben hat:

- Sockel, Korpus, Rahmungen und Segmentgiebel sind auf der Höhe ihrer Zeit, der Spätrenaissance. Damals waren überdimensionierte Segmentgiebel beliebt, besonders in der Architektur, wie das Beispiel des Mausoleums Kaiser FERDINAND`s des II (Bild) in Graz deutlich zeigt.
- Ausdruck und Haltung der Porträtbüste kommen aus der Frührenaissance.
- Insgesamt setzte er aber einen römischen Grabstein vom Typus eines römischen Porträtepitaphs. Dazu gehören auch die lateinischen Groß-Antiqua Buchstaben auf der Inschrifttafel, natürlich in der Sprache Latein. Eine christliche Symbolik oder Metaphorik fehlt auch bei MAGDALENA BECK vollkommen.

Hier sehen sie 2 typische römische Grabsteine dieser Art aus dem ersten nachchristlichen Jahrhundert, jene des QUINTUS VERATIUS (Bild) und des GNAEUS OCTAVIUS (Bild).
Mit dieser Art „Privat-Renaissance“ durch bewusste Antikenrezeption übertrifft HIERONYMUS sogar im Gesamteindruck die berühmten Humanisten Epitaphien aus dem Wiener Stephansdom.

Das zeigt hier der Vergleich mit dem berühmten Gelehrten Johannes CUSPINIANUS, entstanden nach 1529 (Bild).

Wenn wir das Epitaph der MAGDALENA BECK betrachten und durch ihre enigmatische Aura in den Geist der Renaissance versetzt werden, dann kommen uns durchaus auch solche Frauengestalten wie DANTE`s BEATRICE und PETRARCA`s LAURA in den Sinn. Ein hohes Ideal, angesiedelt irgendwo da oben. Bei MAGDALENA kommt aber noch eine andere Qualität dazu. Handelt es sich doch bei ihr um eine Frau, die mitten im Leben stand, geliebte Ehegattin und Mutter, paradigmatisch für ein neues weibliches Selbstbewusstsein im Wien des 16. Jahrhunderts.
 

G. F. Schweter


Röm. Büstenepitaph
aus dem "Lapidarium"
des Hieronymus Beck von Leopoldsdorf


Grabstein des G. Octavius


Hochrelief-Büste des
Johannes Cuspinianus,
nach 1529

 

Die Abbildungen sind mit Erlaubnis des Autors aus Schweters Publikation entnommen