
Westfassade der Minoritenkirche
Die heute sichtbaren Maßwerke sind rekonstruiert und das Türmchen rechts
sowie die Gliederung des Giebelfelds des Satteldaches Anfang des 20. Jh.
geschaffen

Mittelportal der Westfassade

Tympanonreliefs des Mittelpüortals
Johana v. Pfirt und Herzog Albrecht II. am Mittelportal
Rechts: KI-unterstützter Rekonstruktionsversuch des Herzogs mit Zepter
Statuen des Herzogpaars mit portraitähnlichen Gesichtsügen (Bild)
im Wienmuseum ermöglichen diese KI-gestützte Visualisierung (Bild)

Nördliches Seitenportal |

Südliches Seitenportal |

Tympanon des südlichen Seitenportals

Foto des restaurierten Westportals Anfang des 20. Jh.
Der helle Stein der Seitenportale weist darauf hin, daß sie restauriert
bzw. erneuert worden sind. Da der Zwickel des nördlichen Portals Dunkel
ist, könnten darunter vielleicht noch Reste eines allfälligen Reliefs
verborgen sein.... |
Das Westportal der Minoritenkirche
Zwischen 1339 und 1350 entstand im Laufe der
dritten Bauphase der Minoritenkirche (Artikel)
unter Mitwirkung von Jakobus von Paris, des
Beichtvaters Herzog Albrechts II., die – für
den Mendikantenorden der Minoriten ungewöhnlich aufwändige und prächtige
– Westfassade der Minoritenkirche (Betrachtung).
Die Verwendung dreier Trichterbogen-Portale,
mit denen die Westfassade der Minoritenkirche jene des Wiener
Stephansdoms durchaus an Pracht übertrifft, greift Süddeutsche Vorbilder
auf und mag auch an französische Kathedralen erinnern. Dieser
Gestaltungswille an der – der Hofburg nahe gelegenen – Minoritenkirche
kann dem Eifer entsprungen sein, Wien auf seine, später erfolgte,
Erhebung zu einer Diözese (1469) vorzubereiten.
Das Mittelportal
Das mittlere Portal der
Minoritenkirche, das am aufwendigsten gestaltet ist, wird durch einen
Trumeau-Pfeiler halbiert auf dem eine Madonna mit Jesuskind
(Bild /
Detail)
angebracht ist. Sie stützt Jesu Fuß während der Heiland den Schleier der
bekrönten Gottesmutter ergreift und seine linke Hand auf eine von ihr
gehaltene Kugel legt, ein symbolisches Zeichen für die Herrschaft
Christi über den Kosmos.
Die in gleicher Höhe in den Gewänden der beiden Portallaibungendes
positionierten Figuren zeigen links drei männliche (Bild)
und rechts drei weibliche (Bild)
Heilige. - Von links nach rechts sehen wir den hl. Apostel
Philippus (mit Buch und Kreuz), den hl. Johannes den
Täufer (hinweisend auf das Lamm) und den hl. Evangelist
Johannes (mit Kelch) sowie die hl. Ursula von Köln
(mit Pfeil), die hl. Margareta von Antiochien (mit
Schwert und Drachen) und die hl. Helena (mit dem
Kreuz). Letztere, die Mutter des römischen Kaisers Konstantins, die die
Wiederauffindung des Hl. Kreuzes Jesu bewerkstelligte, stellt auch einen
direkten Bezug zum Hl. Kreuz, dem ursprünglichen
Patrozinium der Wiener Minoritenkirche her.

Philippus / Johannes d. Täufer /
Johannes d. Evangelist |

Maria mit Kind |

Ursula v. Köln / Margareta v.
Antiochien / Helena |
Unter den beiden das Portal flankierenden großen
Fialen und auf Höhe des Tympanons sind die beiden Protagonisten der
Verkündigung (vgl. Lk.1, 26-38) dargestellt, links
steht die Statue des Erzengels Gabriel
(Bild/Rekonstruktion),
rechts jene der Muttergottes mit Buch (Bild). Die Hand des
Engels, die einst mit einer rhetorischen Geste die Rede des Engels
verdeutlicht hat, fehlt, in seiner anderen hält er ein langes teilweise
abgebrochenes Schriftband, auf dem - im Falle einer Farbfassung der
Fassadenfiguren - urprünglich der Gruß des Engels stand: "sei
gegrüßt, du Begnadete, der Herr ist mit dir". Die Jungfrau Maria
legt überrascht vom wundersamen Besuch und von der Ankündigung, sie
werde auf übernatürliche Weise ein Kind empfangen, die eine Hand auf die
Brust, mit der anderen hält sie ein Buch, in dem sie kurz zuvor noch
gelesen hatte.
Erzengel Gabriel |

Weibliche Figurengruppe
des Mittelportal-Tympanon |

Astkreuz
des Mittelportal-Tympanon |

Männliche Figurengruppe
des Mittelportal-Tympanon |

Maria |
Das Tympanon (Bild)
des Mittelportals ist ausgehend vom Trumeau-Pfeiler in zwei Felder
geteilt und auf dessen mittig dazwischen gelegenen Zwickel ist ein
Astkreuz (Bild)
mit dem gekreuzigten Jesus und gotischer Inschrift INRI (Jesus
Nazarenus Rex Judaeorum) zu sehen, ein weiterer Hinweis auf das
ursprüngliche Patrozinium der Kirche „Zum Heiligen Kreuz“. Die
Form des "Astkreuzes" an dem Jesus hängt erinnert an jene eines Baumes
und verweist somit auf das Paradies mit seinen zwei schicksalsträchtigen
Bäumen: Der Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen, von dem die
Menschen eigenwillig unerlaubt aßen, brachte ihnen Tod und Entzweihung
von Gott. Jesus, in der Gestalt der Eucharestie, fungiert hingegen als
die "Frucht" des paradiesischen Baums des Lebens. Sie wird von der
Kirche den Christen gespendet als Heilmittel gegen die Folgen der beim
Sündenfall verzehrten todbringende Frucht und zur Wiedererlangung der
Gemeinschaft mit Gott - Communio.
Im rechten Feld befindet sich eine männliche Figurengruppe
(Bild).
Von links nach rechts sieht man den Evangelisten Johannes, der sich mit
seiner rechten eine Träne abwischt und mit seiner Linken eine Schatulle
trägt. Neben ihm steht der Centurio, der Jesus als Sohn Gottes bekennt
(vgl. Mt. 27,54 und Mk. 15, 39), er zeigt mit ausgestrecktem Arm und
Zeigefinger auf den Gekreuzigten, während hinter ihm ein mittelalterlich
geharnischter Bannerträger steht, auf dessen Flagge ein
mittelalterlicher jüdischer „Spitzhut“ erkennbar ist; ein Hinweis
darauf, daß es sich bei ihm um eine der Tempelwachen des Sanhedrin
handeln könnte. Die am rechten äußersten Ende befindliche Gestalt wird
als die Stifterpersönlichkeit Albrecht II. (Bild)
identifiziert. Er trägt den Herzogshut und greift sich mit der rechten
Hand ans Herz, die Linke trug vermutlich einen Zepter, wovon nur ein
kleiner Stumpf in seiner Hand erhalten ist.
Im linken Feld ist eine weibliche Figurengruppe (Bild)
ausgeführt. Mittig zu sehen sind hier die mit seitlich gebeugtem Haupte
trauernde Muttergottes umgeben und gestützt von Maria Magdalena und
Maria Cleophae; alle drei sind mit Nimben versehen, wobei die
Gottesmutter an einem besonders prächtigen Nimbus erkennbar ist. Zwei
weitere Frauen ohne Nimbus flankieren die Frauengruppe im Zentrum; jene
am linken Rand wird als Johanna von Pfirt (Bild),
die Gattin Albrechts II., identifiziert, sie kreuzt andächtig ihre
beiden Hände über ihre Brust als Zeichen ihres anteilnehmenden
Schmerzes.
Die Hineinversetzung der Stifter in die heilige
Szenerie (ein gestalterisches Mittel, das im kleineren Maßstab auch am Tympanon des Nordportals (Artikel)
zu finden ist) unterstreicht nicht nur die fromme Gesinnung der beiden
Monarchen, sondern verbindet auch die historische Handlung der Szene mit
der Gegenwart der Errichtungszeit der Westfassade, sie unterstreicht
zudem
den Charakter der Vergegenwärtigung des einmaligen Sühneopfers
Jesu am Kreuz, die im Kontext des alltäglichen Hl. Messopfers auf dem Altar
der Kirche stattfindet.
Das Mittelportal wurde 1886 einer aufwändigen Restaurierung
unterzogen und dabei auch einige Bauteile in Eisenstädter Stein
erneuert. Stilistisch sichtlich von der Gotik abweichende Elemente, wie
etwa der Kopf des Jesusknaben (Detail),
dürften aber schon bei vorangegangenen Arbeiten erneuert worden sein.
Die jüngste Restaurierung des Mittelportals aus Auer Kalkstein, samt
Laserreinigung, Entsalzung und Anbringung von Kalklasuren fand im Jahr
2000 statt (Info).
Südliches Seitenportal
Das südliche Seitenportal (Bild)
der Westfassade, das wie das nördliche kleiner als das Hauptportal
ausgeführt ist, ist ebenfalls wie das Mittelportal durch einen
Trumeau-Pfeiler zweigeteilt, weist aber weder eine Trumeau-Skulptur noch
Gewände-Figuren in den Portallaibungen auf.
Auch dessen Tympanon (Bild)
ist in zwei Felder und ein Zwickelfeld geteilt. Zum Thema hat es die
großen minoritischen Heiligen:
Im linken Feld ist die am 17. September 1224 am Berg La Verna erfolgte
Stigmatisierung des hl. Franziskus
(1181-1226) dargestellt (Bild/Rekonstruktion);
in ihrer Gestaltung erinnert die Darstelung an jene des Giotto di
Bondone im Bildzyklus der Legende des hl. Franziskus in der Oberkirche
der Basilika San Francesco in Assisi (Bild).
Der in Mitten einer steinigen Landschaft kniende Heilige mit entfalteten
Armen ist auf den seraphischen Christus
im Zwickel des Tympanons ausgerichtet und empfängt an seinen beiden
Händen die Wundmale Christi.
Im rechten Feld sind die großen drei minoritischen
Heiligen dargestellt (Bild):
von links nach rechts der hl. Antonius von Padua (1195-1231), die hl.
Klara von Assisi (1193-1253) und die hl. Elisabeth von Thüringen
(1207-1231), über ihnen fliegt ein Engel. Antonius und Klara halten je
ein Buch in Händen; während er sich mit der Rechten an die Brust greift
und sie mit der Linken ein nicht mehr erkennbares Attribut hält.
Elisabeth ist an ihrer Krone erkennbar, sie war die Tochter des
ungarischen Königs Andreas II. und Gattin Landgrafs Ludwigs v. Thüringen
und ist für ihren karitativen Einsatz bekannt.
An den Schultern der Schulterbögen des zugemauerten
Portaleingangs sind vier als Propheten gedeutete Figuren mit
Schriftrollen dargestellt (Bilder:1,2,3,4).
Nördliches
Seitenportal
Das nördliche Seitenportal (Bild)
ist ebenfalls mittels eines Trumeau-Pfeilers in analoger Weise wie die
anderen gegliedert, weist jedoch im Bereich des Tympanons keinen
figuralen Schmuck auf. Ob hier Reliefs nie ausgeführt wurden oder später
zerstört worden sind ist noch nicht geklärt. Lediglich zwei kleine,
teilweise stark verwitterte, kauernde Gestalten (Bild/Bild)
sind vorhanden, sie stützen - als einzige figurale Elemente dieses
Portals - die beiden Fialen an den Seiten des nördlichen Seitenportals.
Interessant ist, dass im Lauf der Geschichte die
seitlichen Portale zugemauert worden
sind. Es wird vermutet, daß dies 1513 geschah, als – vielleicht
kältebedingt – auch einige der Fenster zumindest partiell zugemauert
worden sind. In historischen Plänen - von Arnold Steinhausen von 1710 (Link)
und von Marquard Herrgott von 1772 (Bild)
- ist ersichtlich, dass in der Minoritenkirche am westlichen Ende der
Nord- und der Südmauer der Kirche jeweils ein Altar angebracht war.
Vielleicht mag die Zumauerung der seitlichen Portale auch mit der
Anbringung dieser Altäre verbunden gewesen sein.
Überlegungen zu den Beschädigungen der
Reliefs
Interessant sind auch die Beschädigungen
an den Reliefdarstellungen des Tympanons des südlichen Portals der
Westfassade; die
Köpfe des hl. Franziskus und des seraphischen Christus sind
abgeschlagen. Ausserdem scheint damit angefangen worden zu sein, von der
Mittelsäule ausgehend, das Relief systematisch abzuschlagen ohne aber
dieses Zerstörungswerk zu vollenden. Ebenfalls interessant ist, daß
historische Photos (Bild)
zeigen, dass bis zu Beginn des 20. Jh. am südlichen Portal keine Figuren
zu sehen waren; erst nach den Restaurierungsarbeiten durch die
Italienische Kongregation am Anfang des 20. Jh. sind sie sichtbar, wobei
auffällt, dass Mittelsäule, Schulterbogenfiguren, Reliefs sowie die
Fialen und die Vermauerung der Eingänge in hellem neuen bzw. in
gesäubertem Stein ausgeführt sind (Foto/Detail).
Offensichtlich wurden die Reliefs bei dieser Intervention freigelegt;
die Propheten-Figuren an den Leibungen könnten hingegen sogar Neuschöpfungen
sein.
- Vielleicht wurden die Reliefs im Rahmen der genannten Zumauerung der
Portale im Laufe der frühen Neuzeit, oder aber eventuell auch später bei
den Umbauarbeiten Hetzendorf von Hohenberg, versteckt, mit dem Ziel das
nördliche und das südliche Portal optisch in ihrer gestalterischen
Inszenierung zurücktreten zu lassen und das Mittelportal (das nunmehr
einzige verbliebene offene Portal der Westfassade) gestalterisch
hervorzuheben. Vielleicht wurden die Reliefs im Zuge eben dieser
Arbeiten auch teilweise zerstört.
- Eine andere Vermutung geht davon aus, daß protestantische Nutzer der
Minoritenkirche in den Jahren zwischen 1559 und 1620 für die teilweise
Zerstörung der Reliefs verantwortlich zeichnen; eine anschließende
Cachierung könnte dem Zweck gedient haben, das beschädigte und somit
unansehnlich gewordene Kunstwerk zu verstecken.
Diese Überlegungen zum südlichen Seitenportal lassen sich weitgehend
auch auf das nördliche anwenden, bei dem unklar ist, ob es ursprünglich
Reliefs beinhaltete (was gestalterisch naheliegend wäre) oder nicht und falls ja was mit diesen geschah...
- Auch denkbar ist, daß es im Zuge besagter Restaurierung Anfang des 20.
Jh. irrtümlich zur
Beschädigung (bzw. totalen Zerstörung) des (bzw. der) seitlichen
Tympanonreliefs gekommen sei, von deren Existenz man nicht wusste...
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