Der Erzengel Michael stürzt Satan und die anderen Dämonen in die Hölle hinab, Gemälde von Luca Giordano (Öl auf Leinwand, 419 x 283 cm),  heute im Kunsthistorischen Museum Wien, ursprünglich das Altarbild der heutigen Antoniuskapelle


DerSchrei des Dämons
eht durch Mark und Bein...

 

Michaels Fußspitze stößt den Dämon hinab






Der Erzengel Michael von Luca Giordano

Das von Luca Giordano (1634-1705) geschaffene riesige raumfüllende Gemälde „Michael stürzt die abtrünnigen Engel“, das heute im Wiener Kunsthistorischen Museum (KHM) ausgestellt ist und ursprünglich Teil der Ausstattung der Wiener Minoritenkirche war, fungierte als Altarbild und sollte – anders als kleinformatige Heiligengemälde, die der intimen persönlichen Meditation und Andacht dienen und in kleinen Räumen von der Nähe zu betrachten sind – von großer Entfernung wirken und die Botschaft der Darstellung dem Kirchenvolk weithin eindrucksvoll vermitteln.

Das beeindruckende Gemälde schmückte den nach den Beschädigungen bei der Türkenbelagerung von 1683 wiederhergestellten und in Folge am 29. September des Jahres 1698, dem Tag des Hl. Erzengels Michael, neu eingeweihten Altar des linken Nebenchores der Wiener Minoritenkirche – die heutige Antoniuskapelle (Artikel). Dieser historische Umstand stellt Giordanos Michael, der den Teufel besiegt, in einen für jene Zeit top-aktuellen politischen Kontext, jenen der Verteidigung der Christenheit vor dem Islam.

Da damals die nach 1784 errichtete Kurtinenwand (Bild), die die Antoniuskapelle vom Rest der Kirche trennt, noch nicht existierte, war das riesige Gemälde des Erzengels vom gesamten nördlichen Seitenschiff der Kirche aus sichtbar und konnte somit seine raumgreifende „Tiefenwirkung“ entfalten.

Der Erzengel Michael siegt durch die Kraft Gottes über den Hochmut des Teufels, welcher Gott und damit die Wahrheit, die Güte und die Schönheit verworfen und verloren hatte. Der Name „Michael“ bedeutet „Wer ist wie Gott?“, diese - fast sokratisch gestellte - Frage entzaubert wie ein schlagendes Argument den hochmütigen Größenwahnsinn Luzifers und seines Ausspruchs „non serviam“ (ich werde nicht dienen).

Spielerisch und federleicht, fast zärtlich, schwebt der Erzengel herab und verdrängt den Satan, der hingegen schwer wie eine bleierne Kugel in die Tiefe herabstürzt. Michaels Fuß berührt nur leicht tapsend den Widersacher und schon bricht das Kartenhaus der Lüge zusammen. Die Assoziation zum zusammenbrechenden Turm zu Babel wird wach, der im Gemälde von Pieter Bruegel dem Älteren ebenfalls im KHM gegenwärtig ist. Wie wenn ein Tropfen Seife auf schwimmendes Öl getropft wird und letzteres sich blitzartig zurückzieht, scheiden sich die Geister. Die Dämonen versinken in chaotisches gottfernes Durcheinander, in alle Richtungen stürzend, sich schmerzhaft windend, die Wahrheit nicht ertragend.

Der Schrei, den der Dämon im rechten unteren Bildteil ausstößt, sei hier beispielhaft genannt: er drückt in seinem expressiv verzerrten Gesicht das absolute Grauen des Wahnsinns dar, den eine Seele ab dem Augenblick ergreift, wo sie sich in unumkehrbarer Weise der Abkehr von Gott verschrieben hat. Ein wenig erinnert diese Gestalt auch an Edvard Munchs berühmten „Schrei“. Der Kontrast der leuchtenden, glänzenden, vitalen Farbenpracht des Erzengels und der erdig matt-eintönigen in Staub getauchten Farbsetzung der Dämonen trennt das Bild in zwei voneinander klar differenzierte Sphären. – Himmel / Hölle.


Zustand der Minoritenkirche 1772,
Grundriss nach Marquard Herrgott

Versuch einer Rekonstruktion des Innenraums der Minoritenkirche um 1750 mit Blick zum Presbyterium.
Links ist der Chor mit dem Erzengel-Michael Altar (heutige Antoniuskapelle) sichtbar,
rechts im Langchor befindet sich die 1697 von der Gräfin von Strattmann errichtete 'Heilige Stiege'.
Mittig befindet sich der Hochaltar mit dem gotischen „Wimpassinger Kreuz“.
KI-gestützte Visualisierung.