Gotische Familienmadonna
mit deutlich erkennbarer Farbfassung der Oberfläche
Rückenansicht: Bild


Die Familienmadonna

Die 1345 von Herzog Albrecht II. (1298-1358) gestiftete Madonna gilt als eine der schönsten gotischen Muttergottesstatuen Wiens und ist heute als Familienmadonna bekannt. Sie sticht durch ihre bis heute erhaltene rote, grüne und golden ausgeführte Farbfassung der auf dem virtuos behauenen Stein der Statue aufgemalten Details des Gewandes heraus. Die Praxis der Bemalung von Skulpturen ist eine Gestaltungstradition die Jahrtausende zurück in die Antike zurückreicht und über das Mittelalter hinaus gepflegt wurde.

Die am Haupt mit einem Reif geschmückte Gottesmutter hält einen Lilien-Zepter in der rechten Hand und trägt mit ihrem linken Arm den Jesusknaben. Sie wendet sich ihm liebevoll lächelnd zu, während er in seinen beiden Händen ein Band hält, wovon heute nur Fragmente erhalten sind. Ihr intensives und geheimnisvolles Lächeln des Mundes und der mandelförmigen Augen erinnert an das „archaische Lächeln“ antiker griechischer oder etruskischer Statuen und sollte, wie bei diesen auch, Lebendigkeit ausstrahlen indem die innere Gemütsregung der Person nach außen hin sichtbar dargestellt wird. Einer typischen Charakteristik der gotischen Madonnen des „weichen Stils“ entsprechend, die die in der Antike entwickelte Kontrapost-Haltung von Stand- und Spielbein wiederaufgreift, ist der Körper der Gottesmutter in einer leichten S-Form in anmutiger Bewegung geschwungen dargestellt, um der Skulptur noch zusätzlich einen Ausdruck von Lebendigkeit einzuhauchen.

Die Falten des Gewandes mit ihrer kunstvollen Draperie gleiten locker und verspielt an ihrem Körper entlang und betonen zusätzlich die Dynamik der Bewegung ihres Gestus, auch lassen sie die darunterliegende Anatomie erahnen, etwa das Knie des Spielbeins, das leicht nach vorne geschoben und gebeugt den Stoff von Rock und Mantel aufwölbt. Ihr Schleier, unter dem das anmutig gelockte Haar sichtbar hervorlugt, öffnet sich – so als ob er wie ein Segel vom Wind aufgebläht würde – zum Jesusknaben hin und scheint ihn beschützend zu umfangen, in die Sphäre seiner Mutter aufzunehmen. Zusammen mit der vornehmen Tracht betont ein kunstvoller Gürtel den hohen herrschaftlichen Stand der Gottesmutter. Eine rosenförmige Fibel hält über ihre Brust das Obergewand zusammen und über ihrem Ausschnitt ist die gotische Letter „A“ (Bild) zu sehen, die auf den habsburgischen Stifter dieser Skulptur verweist.


Detail der Madonna,
das gotische "A" verweist auf Herzog Albrecht II.

KI-unterstützte lebensnahe Darstellung
samt Rekonstruktionsversuch des Bandes in den Händen Jesu

Kopie der Madonna
am barocken Anbau der Minoritenkirche

Die Madonnen-Skulptur soll im Mittelalter als Säulenmadonna außen an die Nord-Ecke der Westfassade der Minoritenkirche angebracht worden sein und später bei der Errichtung des barocken Anbaus im Norden der Kirche schützend mittels einer Nische überwölbt worden sein; hier befindet sich heute eine Kopie der Madonna (Bild). 1939 wurde die originale gotische Madonna der Minoritenkirche in den Stephansdom gebracht, wo sie – im Gegensatz zum ebenfalls dort befindlichen als „Wimpassinger Kreuz“ (Artikel) bekannte mittelalterliche Holzkreuz der Minoritenkirche – den schrecklichen Dom-Brand von 1945 auf wundersame Weise schadlos überstand.

1964 gelangte die Madonna wieder zurück in die Minoritenkirche und wurde auf einen kurzen Sockel neben dem zweiten Pfeiler des südlichen Seitenschiffs der Kirche aufgestellt. Hier erhielt sie ihren heutigen Namen „Familienmadonna“, was sich von der Tradition ableitete, daß frisch vermählte Hochzeitspaare der Italienischen Nationalkirche den weißen Brautstrauß hier abzulegen pflegten und Eltern ihre gerade getauften Kinder vor der Statue dem Schutz der Gottesmutter anvertrauten.

Nach langwierigen und präzisen Restaurierungsarbeiten wurde am 20. März 2016 anlässlich der Hl. Messe zu Palmsonntag die Statue der Familienmadonna der Öffentlichkeit präsentiert. Der Apostolische Nuntius Mons. Peter Zurbriggen hat, assistiert von Vikar Mons. Gabor Pinter, am Ende der Hl. Messe nach einer kurzen Einweihungszeremonie das kostbare Kunstwerk gesegnet (Bericht).